Gloucester? I don’t know where it is!
Nach einer langen und strapaziösen Reise ins abgelegene Gloucester (ausgesprochen Gloster) haben wir vergangenen Dienstag (06.12.2011) das Zuhause unserer WWOOFING-Familie erreicht.
WWOOFING (Abkürzung für willing workers on organic farms) wurde von einer Institution der australischen Regierung ins Leben gerufen, um vermutlich Reisenden mehr Einblicke in das „wirkliche“ Australien zu gewähren und um Farmern und Menschen im Inland die Möglichkeit zu schaffen sich kulturell auszutauschen und „günstige“ Hilfe auf ihren Farmen zu erhalten.
Kurzum: Man besorgt sich eine Mitgliedschaft inkl. WWOOFING-Katalog mit allen WWOOFING-Möglichkeiten für 70$ und bewirbt sich dann bei den Farmen seiner Wahl. Dort angekommen kommt man auf der Farm kostenlos unter und die Verpflegung ist frei. Gegenleistung dafür ist, dass man dort mit anpackt und (wird empfohlen) ca. 4- 6 Stunden am Tag arbeitet.
Um unserem Australien-Aufenthalt mehr Tiefgang zu verschaffen und neben den im Reiseführer beschriebenen „Highlights“ auch das reale Australien inkl. Menschen kennen zu lernen entschlossen wir diese Möglichkeit ca. 3 Stunden nördlich von Sydney wahr zu nehmen.
Das ist Gloucester mit seinen 2.500 Einwohnern.
Nun, in Gloucester angekommen bezogen wir unser Quartier für die nächste Zeit. Die „granny flat“ (zu deutsch: Omi-Wohnung) hinter der Garage mit kleiner Küchenzeile und eigenem Bad war nun fast schon purer Luxus nach den Schlafsälen, die wir in der letzten Zeit bereist haben. Nur kurz erfreuten wir uns unserer vermeintlichen Zweisamkeit bis wir unseren zahlreichen „Mitbewohnern“ quasi in die Arme liefen: Unglaublich viele, viele Spinnen und Netze!
Da wir uns derzeit im absolut abgeschiedenen Inland befinden (kein Handyempfang) und natürlich die pure australische Wildnis uns umgibt, gibt es hier zahlreiche ungebetene Gäste wie Schlangen und Spinnen (giftige und ungiftige, beides schon aus nächster Nähe gesehen).
Die Familie (mit vier Kindern von 2 bis 16 Jahren) ist unglaublich aufgeschlossen (v.a der Familienvater als alter italienischer Ex-Hippie) und freundlich und immer interessiert an noch ungehörten Geschichten, haben das Anwesen vor ca. 2 Jahren gekauft und sind kräftig am Renovieren und am Landwirtschaften.
Dementsprechend helfen wir der Familie auch beim Unkraut entfernen, mulchen, Beete richten, pflanzen, Heu machen (alles mit der Hand) … und selbstverständlich alles höchst ökologisch. Zahlreiche Tiere müssen hier ebenfalls versorgt werden, sodass wir morgens und abends die Hühner füttern, Ziegen füttern, Pferde füttern und striegeln (und bereits reiten).
Der Familienvater ist ein regelrechtes Unikat und hat immer eine interessante Story, die er gerne auf dem Feld, beim Nachmittagstee oder beim gemütlichen Beisammensein mit uns teilt.
Er als Italiener … ein weit gereister Mann, der nie als Tourist, sondern als Reisender unterwegs ist hat die entlegensten Ecken von Asien (China und Indonesien) als Rucksackreisender bereist und äußerst selten für eine Unterkunft bezahlt. Stattdessen pflegt er es, nachdem er sich die Sprache angeeignet hat und viele einheimische Freunde gemacht hat mit und bei diesen zu arbeiten und zu leben. So hat er als Kokosnusspflücker in Cairns, Radioreparateur in Indonesien, Häuslebauer in Guilin (China) … usw. gearbeitet.
Hier auf der Farm baut die Familie das meiste für den Eigenbedarf an (Tomaten, Gurken, Kartoffeln, Knoblauch, Zwiebeln, Zucchini, Fenchel, Auberginen, Artischocken, Mais, Melonen, Kürbisse, Nüsse, Äpfel, Birnen, Bananen, Orangen, Kumquats ...) und produziert Honig, den der Vater dann auf dem Markt verkauft. Bei dem letzten Marktbesuch haben sich die Kinder zwei kleine Enten gekauft. Seitdem sind diese Entenkinder überall mit dabei … sogar am Fluss.
Die Lebensweise ist hier sehr naturverbunden und für uns anfangs befremdlich alternativ. Es werden keine Pestizide oder Fungizide und sonstiges eingesetzt, das Hühnchen wird vor unseren Augen erlegt, die ganze Familie läuft ÜBERALL barfuß, isst selbstgemachtes Brot und selbstgemachtes Pesto, alles Wasser wird vom nahegelegenen Fluss (unfiltriert) bezogen und alles geschieht im Einklang mit der Natur … in mitten einer umwerfenden Szenerie.
Neben den vielen Weihnachtsfeiern zu denen wir mitgenommen werden vertreiben wir uns die Zeit mit dem Trampolin, den Tieren und genießen die schöne Umgebung.
Wahre Einblicke in das australische Leben haben wir bereits tatsächlich erhalten … ob auf dem Farmers-Market, bei Spaziergängen in die Umgebung, bei einem authentischen BBQ-Lunch (Mittagessen vom Grill) bei Freunden der Familie oder bei einem kurzen Schwimmen im Fluss.
Auch auf einem Abstecher zum Christmas-Carnival, einem kleinen Straßenfest mit Essensbuden, einer Hüpfburg und Spendenaktionen wurde uns wieder mal bewusst wie die Australier Weihnachten feiern … und zwar nicht wie wir daheim! Eine besondere „Bude“, die wir bisher nur von Filmen des fernen Westens kennen war das Spenden sammeln mittels Abschießens einer Person in ein riesen Planschbecken.
Diesen Fluss haben wir nachdem wir in der Hitze Heu gemacht haben liebend gerne aufgesucht um uns eine Abkühlung zu verschaffen. Das Wasser war sagenhaft klar und eiskalt (kommt von den benachbarten Bergen). Mitten durch den Fluss (= Auto wird nass) liegt eine Straße die dann auch in den Ort (10 km entfernt) und in die Zivilisation führt. Diese kann aber in Zeiten der Flut nicht befahren werden.
Wir genießen unsere Zeit hier und das wahre Australien!
Ach noch was … vor kurzem wurden einige „Zonen“ eigeführt. Diese Schilder sieht man fast an jeder Ecke.
